- Geschichten und GedankenVeröffentlicht am 22.09.2016

Macht Indien Sinn bei der Sinnsuche?

Gastkommentar von Dr. Regina Potocnik, Yogalehrerin und Mentaltrainerin

Anders gefragt, ist es sinnvoll in Indien auf Sinnsuche zu gehen? Oder trifft einen der Sinn des Lebens in Indien so oder so? Mein erster Trip nach Indien vor etwa 12 Jahren hatte einen ganz banalen Grund: Ich wollte meine beste Freundin in New Delhi besuchen und nach Herzenslust shoppen gehen. Ein dreiviertel Jahr später flog ich in Vrindavan – das ist ein bezauberndes Städtchen rund 200 km von New Delhi entfernt – bei meiner ersten Pilgerreise (!) aus einem Ashram (!!!) raus.

Das Indien Fieber hatte mich bereits bei meiner ersten Landung am Indira Gandhi International Airport gepackt, gleich nachdem meine Füße indischen Boden betreten hatten und ich die explosive Duftmischung aus Kerosin, Rauch, Mottenkugeln und Desinfektionsmittel roch. Irgendetwas Süßes lag da auch noch in der Luft. Ich war daheim. Und wollte nie wieder weg – nicht nach Hause, heißt: nach Wien. Also buche ich wieder und immer wieder Flüge nach Indien und jedesmal erfreut mich die Geruchsverzauberung bereits am Flughafen aufs Neue. Ich könnte jetzt Geschichten erzählen von Slums, Kindern und Katastrophen, von Straßenhunden und solchen, die dann bei mir im Bett landeten (meine Hündin Peppy stammt aus Varkala, Kerala und ist jetzt 5, schläft bevorzugt in meinem – Wiener – Bettchen), von Beteiligungen an indischen Firmen (nie wieder!), wie man an ein indisches Business Visum gelangt und dann ohne Kunden – sprich: ohne Business – in Indien hockt. Dann gäbe es da noch die lustigen Geschichten, wie meine eigene Tempelhochzeit und den Brandfleck im Sari oder den Beinahe-Nervenzusammenbruch eines Freundes, der Kalkutta und auch Indien nach gerade einmal drei Tagen für immer verließ und die die gruseligste Toilette der Welt – ebenda am Bahnhof. Macht Indien Sinn?

„Die meisten Menschen aus westlichen Ländern, denen man in Indien begegnet, sind auf der Suche. Sie suchen nach Wahrheit, nach Erleuchtung, nach sich selbst oder sind auf der Jagd nach dem Bizarren. Im Gegensatz zum Westen ist Indien von jeher ein Land, das Menschen auf ihrem spirituellen Weg unterstützt, ihnen Zuspruch gibt und ihre Eigenheiten fördert.“
Tahir Shah in “Der Zauberlehrling von Kalkutta”

Der Satz besticht, er trifft zu. Zumindest auf mich. Ich war auf der Suche nach Wahrheit, Erleuchtung und nach mir selbst, das Bizarre kam allerdings immer von ganz allein. In Chengannur zum Beispiel in Form einer fliegenden Spinne. Ich hatte gerade bei einer Familie unterm Dach eingecheckt, wollte eine Woche in einer kleinen Kunstschule in Kerala Elefanten aus Holz schnitzen und Yoga praktizieren, als ich in meinem rot gefliesten Badezimmer eine riesige Spinne an der Wand entdeckte. Spinnen und anderes Getier kommen gerade im Süden des Landes mitten im Dschungel, nicht immer ungiftig daher, also versuchte ich flott, flott, das Tier mit einem Flipflop zu erschlagen, als es – zwei Meter weit auf Ohrhöhe an mir vorbei – auf die andere Badezimmerwand sprang. Ich kreischte laut, bis einer der Boys heraufkam und gekonnt mit einem tödlichen Besenhieb Spiderman ins Nirwana verfrachtete. Das sei eine Fruchtspinne, ungefährlich. Na dann.

In der Kunstschule lernte ich Marie kennen; sie malte seit drei Monaten an einem Mural Art Painting. Das ist eine eigentümliche südindische Malkunst, bei der man – laienhaft ausgedrückt – schneckenförmige Grafiken zu großen Bildern aneinander reiht, dann ausmalt und schattiert und schließlich die Konturen einschwärzt. Dann waren da noch ein Pensionist, der das Überleben seines Schlaganfalls feierte und ein paar Mädchen, die die hiesige Tanzkunst Kathakali lernen wollten. Kathakali ist eine spektakuläre Mischung aus Drama, Tanz, Musik und Ritual. Charaktere mit lebendig bemalten Gesichtern und aufwendigen Kostümen erzählen Geschichten aus den Hindu-Epen Mahabharata und Ramayana. Die Musikuntermalung ist jedoch gewöhnungsbedürftig.

Mein Herz gewann Stephan. Er hatte einen Bandscheibenvorfall und lag seit drei Wochen im Bett. Liebevoll hatten sich die Einheimischen mit Ayurvedischen Kräuterölen um ihn gekümmert und mit einer „Du darfst Dich nicht bewegen“-Therapie ans Bett gefesselt. Ich fragte ihn, wie das denn möglich sei, dass alle hier, ALLE außer MIR, Wochen und Monate in dieser Kunstschule lebten. Ich musste in einer Woche wieder eine seriöse Juristin in einer Wiener Bank sein. Wie geht das, wovon leben die Schüler hier? Wie kann man nur so augenscheinlich einfach seinen Träumen nachgehen? Stephans Antwort hat mein Leben verändert und wenn es damals schon Facebook gegeben hätte, wären wir bestimmt noch befreundet. Er sagte:

„Wenn Du etwas wirklich willst, dann funktioniert es auch. Schreibe Dir einmal im Monat eine Liste mit 10 Dingen, die Dir etwas bedeuten. Das kann alles ein, wonach Dir ist. Orte, Menschen, Erlebnisse. Schreibe einmal im Monat, ein ganzes Jahr lang. Und dann hast Du die Lösung. Die Dinge, die am öftesten vorkommen, bedeuten Dir alles. Den Rest lass fallen.“
Stephan Unbekannt

Bei mir waren das damals drei Dinge, die sich ein Jahr lang wiederholten: Yoga, Reisen und Indien. Ich kündigte meinen Job und trampte das erste Mal ein halbes Jahr durch Indien, Thailand, Malaysia und Indonesien. 2011 dachte ich wieder an Stephan, nahm einen Zettel und schrieb drei Dinge auf, wie ich Zukunft mein Geld verdienen möchte:
Yoga, Reisen und Menschen Mut machen, ihren Träumen zu folgen.

Vielleicht liest Stephan durch Zufall diese Zeilen, denn ich bin ihm so dankbar. Er hat mein Leben verändert ohne es zu wissen. Die kleine Lektion, die ich bei meinen Trainings heute einbaue und die Sie liebe Leser dieser Zeilen, vielleicht mitnehmen, nennt sich „Lessions learned by Stephan“, denn es sind nicht immer Eltern oder Uniprofessoren oder namhafte Gurus in orangen Roben unsere wahren Lehrer. Manchmal sind es ganz einfache Menschen, die mit Bandscheibenvorfall im Bett liegen und einen Satz von sich geben. In Indien.

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