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Samuel Miko • 07.05.2026

Reisebericht Indien — Was Yoga wirklich bedeutet



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Auf unserer Reise durch Nordindien stellte sich mir immer wieder dieselbe Frage: Wie lässt sich dieses Land eigentlich einordnen, wie beschreiben? Letztlich passt für den indischen Subkontinent kein Wort so gut wie das englische a lot. A lot meint dabei nicht nur die schier unendlich scheinende Masse an Menschen, sondern jedes Gefühl, jeden Eindruck, jede Sinneswahrnehmung, die Indien in einem auslöst. 



A lot of… Ashrams 

Nach unserer Ankunft in Delhi ging es direkt weiter in den Norden, nach Rishikesh. Die weltweite Yogahauptstadt trägt diesen Titel zu Recht — sie ist das Mekka all jener, die sich für Yoga begeistern, und derer, die es noch werden wollen. Bei unserer Führung durch Rishikesh überquerten wir zu Beginn den Fluss Ganges — in Indien Ganga genannt — um zu den am Ufer gelegenen Ashrams zu gelangen. Sie bilden den spirituellen Mittelpunkt der Stadt. In den teils riesigen Zentren, die sich aus mehreren Gebäuden zusammensetzen, finden bis zu 2.000 Menschen gleichzeitig einen Ort der spirituellen Weiterbildung und des inneren Friedens. Bezahlt wird durch tägliche Mitarbeit, das sogenannte Karma-Yoga — im Gegenzug erhalten die Schüler:innen kostenlose Unterkunft, Verpflegung sowie tägliche Einheiten in Yoga, Meditation und hinduistischer Lehre. Ein zentraler Grundgedanke: die Gleichheit aller. Schon die Beatles weilten einst in einem der größten Ashrams Rishikeshs, umgeben von Gleichgesinnten auf der Suche nach Spiritualität. 


A lot of… Kühe 

Unser Aufenthalt machte deutlich, wie sehr sich die indische Lebensweise von unserer mitteleuropäischen unterscheidet. Besonders eindrücklich zeigt sich das im selbstverständlichen Miteinander der Bewohner:innen und Besucher:innen Rishikeshs mit den im Hinduismus heiligen Kühen. Blockiert eine Kuh die Straße, steht der Verkehr. Blockiert sie die Brücke, bleibt man eben auf dieser Seite des Flusses. Und möchte sie im Ganges baden, macht man Platz.

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A lot of… Yoga 

Beim Schlendern durch Rishikesh wird schnell klar: Yoga ist tief im Erbe dieser Stadt verankert. Die Vielzahl an Angeboten lässt einen kaum noch den Wald vor lauter Bäumen sehen. Eine Yogaeinheit in Rishikesh wollten wir uns selbstverständlich nicht entgehen lassen und buchten für eine Morgeneinheit einen persönlichen Yogalehrer. Er erfüllt dabei alle Stereotypen eines indischen eines indischen Yogagurus und wir wurden gedanklich in die Rolle von Julia Roberts in Eat, Pray, Love versetzt. Nach einigen aufwärmenden Übungen am Ufer des Ganges zur Lockerung von Nacken und Schultern und ein paar Atemübungen erhielten wir von unserem Gupta eine Einführung in das, was Yoga tatsächlich ist. 

Er erzählte uns, dass das ursprüngliche Yoga, wie es vor Jahrtausenden in Indien entstand und seither von Guru zu Schüler weitergegeben wird, völlig anders zu verstehen ist als das, was wir in Mitteleuropa unter Yoga kennen. Es geht nicht darum, Hund, Krieger und Kobra zu perfektionieren oder sich stundenlang mit der Abfolge von Übungen zu beschäftigen. Die Übungen, so erklärte er, sind reines Mittel zum Zweck — ein Werkzeug, um den Geist durch körperliche Bewegung zu klären, oder, in seinen Worten: to have a less cloudy mind. Ob dieser Zustand nach 20 Minuten, nach zwei Stunden oder gar nicht erreicht wird, ist völlig individuell. Die wahre Herausforderung beginne erst danach: im Bewusstsein, im bewussten Sein, im Ankommen im Hier und Jetzt. 

So erlebten wir eine Yogaeinheit, die in Mitteleuropa diesen Namen vermutlich nicht verdient hätte. Nach nur 20 Minuten leichter körperlicher Übungen gingen wir in langsamen, bewussten Schritten die großen Stufen zum Ganges hinab — zum heiligen Fluss. Wir sollten jeden Schritt spüren, jedes Sandkorn am Ufer wahrnehmen, jede kleine Welle, die über unsere Füße floss. Wir sollten nicht nur physisch dort ankommen, wo wir waren — in Rishikesh, jenem Ort, an dem seit Jahrtausenden Gurus ihr Wissen über Spiritualität an Schüler:innen aus aller Welt weitergeben. Es war ein Ort, der uns in unserer ganz persönlichen Philosophie bestätigte: Yoga endet nicht an der Tür des Yogaraums — dort fängt es erst an. Die Übungen sind Werkzeug. Yoga selbst ist eine Lebensweise für den Alltag, eine Anleitung für unser Sein, für unser Miteinander. Und so erlernten wir am Ufer des Ganges, was Yoga wirklich bedeutet.

A lot of… spirituelle Energie 

In den Städten am Ganges ist die spirituelle Energie förmlich zu spüren. In Rishikesh findet täglich ein sogenanntes Ganga Aarti statt — eine Zeremonie aus Feuer und Rauch direkt am heiligen Fluss, zur Reinigung der Gedanken und zur Verehrung der Götter. Begleitet von Mantren bereiten die Mönche der Klöster in mühevoller Kleinstarbeit die Opfergaben vor, die im Rahmen der Zeremonie teils verbrannt, teils dem Ganges übergeben werden. Eines der berühmtesten Aartis findet täglich im nahe gelegenen Haridwar statt. Rund 100.000 Menschen — überwiegend Inder:innen — besuchen das Ritual jeden Abend. Nach einem ausgiebigen Bad im Ganges werden, begleitet von Mantren, unzählige Lichter und Opfergaben entzündet und die Götter des heiligen Flusses angebetet. Wer einmal dort gestanden hat, vergisst diese Bilder nicht so schnell. 

A lot of… People 

Mit 1,4 Milliarden Menschen ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt — manche Großstädte zählen mehr Einwohner als ganze europäische Staaten. Die Fahrt durch Indien zeigt, wie untrennbar Freud und Leid miteinander verwoben sind, wie nah Aufstieg und Abgrund beieinanderliegen und dass Glücklich-Sein viel und zugleich nichts mit Glück zu tun hat. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft kaum irgendwo so weit auseinander wie hier. Bei unserer Fahrt vorbei an Barackensiedlungen und Zeltlagern überkam uns der innere Wunsch, all diesen Menschen — ob allein oder mit Kindern — zu helfen: eine warme Mahlzeit zu schenken, ein Dach über dem Kopf zu geben, mit einer Ausbildung die Zukunft zu sichern. 

In dem Wissen, dass man nicht alle Menschen retten und keine strukturellen Probleme allein lösen kann, kam uns ein zentraler Gründungsgedanke von Indigourlaub in den Sinn: nachhaltiges Reisen für alle Beteiligten. Nachhaltig heißt für uns auch, dass der Großteil der Wertschöpfung im Land bleibt, dass jedes Glied der Wertschöpfungskette seinen fairen Anteil erhält und dass wirtschaftliche Interessen niemals das nachhaltige Miteinander überschatten. Wohlstand für ein Land entsteht letztlich nur aus eigener Kraft — und Tourismus ist eine der unmittelbarsten und nachhaltigsten Möglichkeiten dazu. 

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A lot of… Gerüche und Geschmäcker 

Jede Ecke unserer Reise brachte neue Gerüche mit sich — im positiven wie im herausfordernden Sinne. Die Räucherstäbchen in den Tempeln Rishikeshs mit ihrem süßen, harzigen Sandelholz. Der dichte Duft von Kardamom, Kreuzkümmel, Nelken und Curryblättern, der über den Märkten von Haridwar liegt und sich beim Vorbeigehen zwischen die Falten der Kleidung legt. Der erdige Rauch der Räucherfeuer am Ganges-Ufer. Und dazwischen immer wieder der herausfordernde, dichte Geruch einer Millionenstadt wie Delhi — eine Mischung aus Abgasen, Straßenstaub, brutzelndem Öl und schlicht Menschenmassen. 

So vielfältig wie die Gerüche sind die Variationen und Geschmäcker der indischen Küche. Der Norden Indiens ist dafür bekannt, beinahe ausschließlich vegetarisch zu leben — eine Lebensweise, die uns als Indigourlaub-Reisende sehr entgegenkam. Und so durften wir uns Tag für Tag durch eine Küche kosten, die mit erstaunlich wenigen Grundzutaten eine schier endlose Bandbreite an Aromen erzeugt. Dal in unzähligen Variationen, mal cremig-mild mit Linsen und Ghee, mal feurig mit Tomaten und Chili. Paneer Butter Masala, dessen Sauce so satt und tief schmeckt, dass man fast den Löffel ableckt. Frisch gebackenes Naan aus dem Tandoor-Ofen – „you want some indian bread?” hörten wir dazu immer wieder mit mehr oder minder leichtem indischen Akzent. Roti hauchdünn vom Blech, dazu Chutneys aus Minze, Koriander und bereits die ersten Mangos. Was uns besonders berührte: Essen gilt in Indien als absolutes Grundbedürfnis, das niemals alleine aufgenommen werden sollte, richtig deutlich wurde uns das erst in unzähligen Tempeln und Ashrams.  

A lot of… Natur 

So laut, dicht und intensiv das urbane Indien ist, so weit, still und überwältigend ist seine Natur. Im Vorland des Himalaya, rund um Rishikesh, fließt der Ganges noch klar und türkis aus den Bergen herab, gesäumt von dichten Wäldern, in denen sich Affen, bunte Vögel und gelegentlich auch ein Elefant zeigen. Der Blick auf die ersten Ausläufer des Himalaya, im Morgendunst kaum von der Wolkenlinie zu unterscheiden, hat etwas zutiefst Erdendes. Man versteht plötzlich, warum Yogis und Suchende seit Jahrtausenden ausgerechnet hierherkommen. 

Eines der eindrucksvollsten Naturerlebnisse unserer Reise war der Jim Corbett National Park, der älteste Nationalpark Indiens und Heimat des Königstigers. Schon in den frühen Morgenstunden brachen wir im offenen Jeep auf, eingehüllt in eine Decke und in den feinen Nebel, der über dem Grasland lag. Was unsere Guides noch als kalt empfanden sahen wir als willkommene kühle Abwechslung zur ansonsten doch sehr heißen Mittagssonne. Die Geräuschkulisse: ein vielstimmiges Konzert aus Vogelrufen, den von Baum zu Baum hüpfenden Affen und dem leisen Knirschen der Reifen auf der Schotterpiste. Wir sahen verschiedenste Arten von Hirschen, Wildschweine, Pfauen in voller Pracht, eine Elefantenkuh mit ihrem Kalb sowie eine Schar an grünen Vögeln. Als plötzlich die Vögel verstummten und die Affen hoch oben auf den Bäumen begannen besonders laute Geräusche zu produzieren wusste unser erfahrener Guide, was sich im Dickicht des Dschungels verbirgt – der bengalische Tiger. Zunächst sahen wir nur die Silhouette, als er die Straßenseite wechselte. Das geduldige Warten machte sich jedoch bezahlt, als das dann als Tigerin identifizierte majestätische Geschöpf aus den Büschen hervorblickte und uns mit einem Abstand von 15 Metern für mehrere Sekunden tief in die Augen blickte. Sie machte dem Begriff des Königs des Dschungels alle Ehre.

A lot of… Götter — oder auch nicht? 

Das Leben in Indien ist eng mit der Religion verwoben. Auch wir setzten viele Schritte in die unzähligen Tempel des Hinduismus, selbstverständlich, wie es sich gehört, barfuß. Hindus glauben nicht an einen einzigen Gott, sondern an viele – je nach Auslegung sind es zwischen 33 und 330.000.000. Die bekanntesten sind die drei Hauptgötter Brahma, Shiva und Vishnu, die in ihrem Wirken die Schöpfung, die Erhaltung und die Zerstörung allen Weltlichen abdecken. Die enorme Vielzahl an Göttern entsteht einerseits durch die Kinder der Hauptgötter — etwa den Elefantengott Ganesha — und andererseits durch ihre zahlreichen Reinkarnationen. 

Ob es nun 33 oder 330 Millionen Götter sind, scheint auf den ersten Blick einen nicht ganz unerheblichen Unterschied zu machen. Auf den zweiten Blick tut es der spirituellen Energie in den Tempeln keinen Abbruch. Denn der Hauptzweck des Hinduismus liegt nicht in der gebetsartigen Verehrung von Göttern, sondern im Führen eines spirituellen Lebens, das auf Mitgefühl gründet. Vielleicht ist das die Lehre, die wir aus Indien am deutlichsten mit nach Hause genommen haben — als Reisende, als Menschen und als Indigourlaub-Team. 

Samuel Miko

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